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Jonathan Noel wurde vor dem 2. Weltkrieg in Frankreich geboren, seine Mutter wurde in diesem
"nach Osten" gebracht und er floh mit seiner Schwester zu seinem Onkel. Nach seinem Wehrdienst
heiratete er und hoffte, in der Ehe endlich die ersehnte Monotonie und Ruhe zu finden. Jedoch
verließ ihn seine Frau, und Jonathan nahm sein ganzes Geld und zog nach Paris. Dort fand er
dann auch Arbeit als Wachmann in einer Bank und mietete sich ein kleines Zimmer in einem
Wohnblock. Das Zimmer wurde sein Zufluchtsort, den er sich im Laufe der Jahre immer weiter
verschönerte und ausbaute, wodurch es immer kleiner und gemütlicher wurde. Er liebte es so
sehr, dass er es kaufen wollte und nur noch eine Rate zu zahlen hatte. Zwar lebte er sehr
einsam, doch war er glücklich, endlich seine Geborgenheit und Ruhe gefunden zu haben. Die
Toilette war auf dem Gang und wurde von mehreren Wohnungen benutzt, was zwar nicht schlimm war,
Jonathan wollte jedoch keinesfalls auf dem Weg dorthin oder gar vor ihr wartend einen Nachbarn
treffen, da es ihm sehr intim schien.
An einem Morgen im August ‘84 - er ist schon über 50 - horcht er wieder, ob jemand draußen sei
und tritt daraufhin in den Gang, wo er eine Taube sieht. An sich wäre eine Taube ja nichts
Schlimmes, für ihn jedoch ist sie die Verkörperung von Anarchie und Chaos, seinen größten
Feinden, die sein geordnetes Leben gefährden könnten. Er schlägt die Türe wieder zu und denkt
sich, er stürbe gleich. Als aber nichts passiert, überlegt er sich, was nun zu tun sei. Sie
töten? Nein, er kann nicht einmal einen Käfer erschlagen. Er kommt sich blöde vor, vor einer
Taube Angst zu haben, aber er kann nichts daran ändern. Er nimmt sich vor, in ein Hotel zu
ziehen und seine geliebte Wohnung zurückzulassen, nur um der Taube nicht mehr zu begegnen. Als er merkt, dass er mal pinkeln sollte, pinkelt er aus Angst und Verzweiflung in sein Waschbecken, was er eigentlich nie machen würde, aber die Angst vor der Taube ist stärker. Danach versucht er, die tägliche Routine zurückzuerlangen, was ihm aber nicht gelingt. Als es Zeit wird zur Arbeit zu gehen, rüstet er sich mit Winterklamotten und Schirm aus, um gefahrlos an der Taube vorbeizukommen. Dies tut er dann auch, mitsamt eines Koffers, in dem das Nötigste für das Leben im Hotel ist. Im Treppenhaus zieht er den Wintermantel etc. aus, um nicht bei den Nachbarn aufzufallen und verlässt das Haus. Unten grüßt ihn die Hausmeisterin wie jeden morgen, doch es nervt ihn immer wieder und er fühlt sich durch sie beobachtet. Überall ist er anonym, einer von vielen, in der Bank praktisch Inventar,... - aber sie beachtet ihn jedesmal. Er will sich bei ihr darüber beschweren, spricht aber die Taube an und verlangt, dass diese wegkommt. Die Hausmeisterin verspricht, sich darum zu kümmern, was Jonathan jedoch bezweifelt, aber seinen Weg zur Bank fortsetzt. Pünktlich erreicht er die Bank nimmt seine Arbeit auf, die daraus besteht, erst die Angestellten herein zu lassen und dann vor der Bank Wache zu stehen. Aber anders als sonst kann er heute nicht still stehen und ist völlig unkonzentriert und nervös. Jeden Tag muss er dem Direktor das Tor öffnen, wenn dieser mit seiner Limousine angefahren kommt. Heute jedoch bemerkt er ihn erst, als dieser schon hupt. Jonathan denkt nach dieser Unachtsamkeit schon, er verlöre seinen Job. In der Mittagspause dann nimmt er sich ein kleines billiges Hotelzimmer und geht in den Park um zu essen. Eine zeitlang beobachtet er einen Penner. Früher einmal hatte er diesen beneidet, da der Penner spät aufstehen und faulenzen kann. Als Jonathan jedoch sah, wie der Penner auf die Straße machen musste und keine Türe bei diesem intimen und peinlichen Geschäft zumachen konnte, merkte er, dass sein Leben doch viel besser sei. Fortan empfand er nur noch Mitleid mit dem Penner. Jetzt jedoch hat er Angst, durch die Taube genau wie der Penner zu enden. Als er seinen Müll aufheben will, bemerkt er, dass seine Hose reißt. Zwar kein großer Riss, aber doch deutlich sichtbar. Er beschließt zu der Schneiderin im Supermarkt zu gehen, da er ja nicht nach Hause kann. Die Schneiderin jedoch hat keine Zeit, ihm die Hose sofort zu nähen und so kauft er sich Tesa, um den Riss zu überkleben. Danach geht er zurück zur Bank und hält wieder Wache. Er ist jetzt aber auf alle wütend, die er sehen kann - auf die Kellner des Cafes gegenüber, auf die Autofahrer mit ihren Abgasen - er möchte sie alle erschießen, aber er tut es nicht, da er ein Dulder und kein Täter ist, wie er sich eingesteht. Grimmig und innerlich gebrochen steht er da und verachtet sich selbst. Nach Dienstschluss dann läuft er durch die Stadt, durch diesen und jenen Park. Erst als er müde wird geht er in sein Hotel, in dem er Sardinen mit Brot isst und dazu Rotwein trinkt. Der Nachtisch besteht aus einer Birne mit Ziegenkäse. Es kommt ihm vor, als habe er noch nie so gut gegessen, er ist recht glücklich. Nun legt er sich schlafen und denkt vor dem Einschlafen noch "Morgen bringe ich mich um". In der Nacht entlädt sich dann ein gewaltiges Gewitter, zuerst mit einem lauten Donnerschlag, der Jonathan aufschrecken lässt. Er denkt als erstes an das Ende, an das absolute Ende und an den Weltuntergang, dann an den Krieg in seiner Kindheit und erst als der Regen einsetzt, erinnert er sich, wo er ist. Früh am morgen nimmt er seinen Koffer, verlässt das Hotel und hüpft wie ein Kind durch sämtliche Pfützen nach Hause. Er ist richtig befreit und fühlt sich wohl. Erst im Treppenhaus erinnert er sich an die Taube und hält kurz inne um zu verschnaufen. Er hat auch kurz Angst vor ihr, doch sie verschwindet, als er die vertrauten Geräusche des erwachenden Hauses hört. Er steigt vollends hoch und sieht, dass der Gang sauber und das Fenster geschlossen ist. Die Taube ist weg. Jonathan Noel hat es gerne ruhig und gewohnt, er mag es nicht, wenn sich seine Umwelt und damit sein Leben ändert. Dieses hat er sich so eingerichtet, dass es nur aus Monotonie und Routine besteht, an der er sich festhalten kann. Überhaupt nicht leiden kann er es, wenn ihm Beachtung geschenkt wird, wie z.B. von der Hausmeisterin. Ihm macht es auch nichts aus, alleine zu leben und sein Ersatz für eine Familie ist seine Wohnung, die er über alles liebt und die er sich schön herrichtet. Dass er sie aus Angst vor der Taube verlassen möchte, zeigt nur seine riesige Angst vor dem, was die Taube für ihn verkörpert: Anarchie und Chaos, beides für ihn unvorstellbar. |
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Patrick Süskind: BiografiePatrick Süskind wurde am 26. März 1949 in Ambach am Starnberger See als Sohn eines Journalisten und Erzählers geboren. Er studierte bis ‘74 Geschichte in München und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Heute lebt er zurückgezogen in München und Paris. Seine ersten Versuche als Schriftsteller waren erfolglos. Großen Erfolg hatte er dagegen mit Drehbüchern, unter anderem zu "Monaco Franze" (‘84) und "Kir Royal", beide in Zusammenarbeit mit Helmut Dietl geschrieben, der sein Freund wurde. Er engagierte sich auch als Theaterautor und begeisterte 1981 mit "Der Kontrabass", einem komödiantischen Einakters, auf der Bühne. Es wurde ‘84/‘85 das meistgespielte Theaterstück an deutschsprachigen Bühnen.Seinen literarischen Durchbruch erreichte er 1985 durch "Das Parfum", das in 20 Sprachen übersetzt wurde und das der Verkaufsschlager der achtziger Jahre wurde. In ihm erzählt er die Geschichte eines gefühlskalten und einsamen Jungen aus Paris, der einen fantastischen Geruchssinn hat und der nach dem perfekten Parfum sucht. Nach dem Erlernen der Techniken zu Gewinnung und Konservierung von Düften ermordet er bald Jungfrauen, die besonders gut riechen und verarbeitet sie zu dem besten Parfum der Menschheit, dem keiner widerstehen kann. "Die Taube" (‘87) dagegen wurde dagegen weder vom Publikum noch von den Kritikern besonders gut aufgenommen, genau wie ‘91 "Die Geschichte von Herrn Sommer". Zusammen mit Helmut Dietl schrieb er '97 das Drehbuch zu "Rossini", in dem er sich selbst anhand des etwas seltsamen aber genialen Dichters porträtiert, wobei der Kinofilm die verrückte Gesellschaft der Reichen karikieren soll. Süskind stellt sich auch in anderen seiner Werke teilweise selbst dar, z.B. in "Die Taube" und "Das Kontrabass" und bekennt sich folgendermaßen dazu: "...als auch ich den größten Teil meines Lebens in immer kleiner werdenden Zimmern verbringe, die zu verlassen mir immer schwerer fällt. Ich hoffe aber, eines Tages ein Zimmer zu finden, das so klein ist und mich so eng umschließt, dass es sich beim Verlassen selbst mitnimmt." Süskind ist absolut medienscheu, so kam er z.B. nicht einmal zur Premiere von Rossini und sein Privatleben ist praktisch unbekannt. Außerdem möchte er keinen literarischen Regeln nachgeben und nahm deshalb auch schon Preise wie Gutenberg-, den Tukan- und den FAZ-Literaturpreis nicht an. Auch lehnt er hohe Angebote zur Verfilmung seiner Bücher ab, um diese vor Verfälschung zu schützen. |
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