Johann Wolfgang Goethe: Faust - Der Tragödie erster Teil
Straße
Nun endlich trifft Faust zum ersten Mal Margarete (im Folgenden Gretchen genannt), die er aus dem Spiegel kennt. Er fragt sie auf der
Straße, ob er sie begleiten dürfe, was sie mit "Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause
gehn." halb zickig halb angewidert ablehnt. Dies reizt Faust ungemein und verlangt sofort von Mephisto, dass er sie ihm beschaffe.
Dass er Gretchen dabei "Dirne" nennt, ist wohl nicht abwertend gemeint, wie wir es heute verstehen würden (Dirne= Prostituierte),
sondern neutral als junge Frau. Andererseits: er empfindet zwar gerade eine große Liebe gegenüber Gretchen, aber er führt
sich eher auf wie im Puff: "Hör, du musst mir die Dirne schaffen!".
Mephisto kann sich Gretchens nicht einfach bemächtigen - wäre ja auch zu einfach für eine Geschichte -, da sie absolut
unschuldig ist. Das ist ein wichtiger Punkt: Gretchen ist am Anfang absolut unschuldig und gottesfürchtig. Er vertröstet Faust
und meint sinngemäß, Vorfreude sei die schönste Freude. Er werde Schmuck als Geschenk besorgen und am Abend dürfe
Faust in ihr Zimmer, um sich "in ihrem Dunstkreis satt [...] zu weiden".
Faust ist durch den Trank zu einem "geilen Sack" geworden, der nur an Sex denkt, obwohl er angibt, Gretchen zu lieben. Sie
kennenlernen will er eigentlich garnicht, am liebsten würde er sofort mit ihr schlafen. Von seinem ursprünglichen Ziel,
zu erfahren, wie die Welt aufgebaut ist etc. ist er weit abgerückt. Jetzt will er einfach nur ganz egoistisch seinen Spaß. Das
stellt ihn gewissermaßen auf eine Ebene mit dem Volk, auf das er früher herabgeblickt hat.
Goethe: Faust, Der Tragödie erster Teil: Lesetagebuch / Zusammenfassung, Copyright Tobias Neumann